Der Journalist Georg Etscheit ist aus dem BUND ausgetreten: hier ein Auszug der Begründung

……Ich erinnere mich an magische, Nebel verhangene Oktobertage auf der Sababurg, wo meine gemütskranke Mutter kurz vor ihrem Freitod noch Kraft schöpfte, oder im berühmten Urwald mit seinen uralten Hute-Eichen. Jetzt ist der Wald bereits von Windkraftwerken umzingelt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Rodungsmaschinen anrücken und Schneisen schlagen, um auch im Reinhardswald selbst Platz für die Windmonster zu schaffen, die Symbole sein sollen für den Anbruch eines neuen Zeitalters einer guten, grünen, ökologisch und sozial korrekten Form der Energieerzeugung. Wer jedoch einmal gesehen hat, wie ein Wald aussieht, in den ein Windpark geschlagen wurde, wird kaum noch von „sanfter“ Energie sprechen können.

Dass dies alles vielfach mit dem Segen, ja unter tatkräftiger Mithilfe der etablierten Umweltverbände geschieht und einer Partei, deren Mitglieder sich immer noch grün nennen ohne rot zu werden, diese Tatsache macht mich wütend und hilflos. Der Landschaftsschutz, die einstige Königsdisziplin des Umweltschutzes, ist auf der Rangordnung umweltpolitischer Prioritäten ganz nach unten gerutscht oder völlig von der Agenda verschwunden. Schönheit gilt allenfalls als weicher Faktor, als Gedöns, als vernachlässigbar. Noch wütender und hilfloser macht es mich, wenn die ästhetisch zerstörerische Wirkung von Windparks in der Landschaft schlichtweg geleugnet und Kritikern ein falsches Bewusstsein unterstellt wird.

Windräder seien schön, heißt es. Und natürlich alternativlos. Habe sich die Landschaft nicht schon immer verändert? Wenn dann moderne Windkraftwerke, 200 Meter hoch und nachts rot befeuert, mit alten holländischen Windmühlen verglichen werden, bleibt einem ob solcher Ignoranz schlicht die Spucke weg. Dabei sind doch Schönheit und Harmonie kein Luxusgut, sondern Grundnahrungsmittel. Seit die Menschen ihre Höhlen kunstvoll zu bemalen begannen, streben sie danach. Wie kann es sein, dass innerhalb einer Generation bei vielen Menschen offenbar das Empfinden, ob etwas schön oder hässlich ist, verloren gegangen zu sein scheint? Oder muss man Dinge einfach schön finden, die einem ideologisch und/oder ökonomisch geboten erscheinen? Ich fürchte sie mittlerweile, die selbsternannten Weltenretter, die mit ihrer angemaßten höheren Moral oft alles nur noch schlimmer machen.

Was heute zählt ist, was gezählt werden kann: CO2-Werte, Kilowattstunden, vielleicht noch die Anzahl von Rotmilanhorsten in der Nähe einer Windkraftanlage. Wenn man sie denn zählen will. Denn auch der Artenschutz droht unter die Räder zu kommen. In einer Studie von 2012 sprach Martin Flade, heute Leiter des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin, von der Energiewende als einem „Biodiversitätsdesaster“. Damit kritisierte er vor allem die Biogaserzeugung, die ja einen ungeheuren Intensivierungsschub in der Landwirtschaft ausgelöst hat und pikanterweise über explodierende Bodenpachten vor allem die Biolandwirtschaft in Bedrängnis bringt. Es gebe aber, wie mir Flade jüngst persönlich berichtete, auch immer mehr Studien, die belegten, wie gefährlich Windkraftwerke zur See oder an Land für viele Vogel- und Fledermausarten seien.

Ich hatte zu Anfang diesen Jahres Gelegenheit, zusammen mit dem früheren BUND-Vorsitzenden in RheinlandPfalz, Harry Neumann, einem ebenso sympathischen wie kenntnisreichen Landschafts- und Artenschützer, eine Informationsfahrt durch Soonwald und Hunsrück zu unternehmen. Erinnerungslandschaften nurmehr. Ich traute meinen Augen nicht: Weit und breit, bis an den fernen Horizont recken sich Hunderte von Windkraftwerken in den Himmel und verwandeln diese Gegenden in ein riesiges Industriegebiet. Eine großräumige Planung hatte es augenscheinlich nicht gegeben oder sie wurde schlicht ausgehebelt, um eine Art Wettstreit um den Bau möglichst vieler Windräder unter den Kommunen anzufachen. Und es sollen noch viel mehr werden im einst schönen Rheinland-Pfalz mit Landschaften wie dem Rheinhessischen Hügelland, die an die Toskana erinnerten, zumindest wenn es nach dem Willen der grünen Wirtschaftsministerin Evelyne Lemke geht, der selbst das Weltkulturerbe Mittelrheintal nicht heilig ist.

Den BUND in Rheinland-Pfalz, personell engstens verbandelt mit den grünen Ministerien, hat diese rücksichtslose Ausbeutung und Verschandelung von Natur und Landschaft in eine veritable  Sinn- und Vertrauenskrise gestürzt. Ich habe noch ein wenig Hoffnung, dass diese Horrorvision nicht auch in Bayern Wirklichkeit wird. Bislang ist das Land ja dank der von BN und Grünen so vehement bekämpften Seehoferschen 10H-Regelung von den ärgsten Folgen der Verunstaltung verschont geblieben. Doch ich glaube, die Tatsache, dass sich mit Windmühlen auch ohne allzu viel Wind ziemlich viel Geld machen lässt, wird irgendwann den Damm brechen lassen. Und es ist ja nicht so, dass in Bayern derzeit überhaupt keine Windkraftwerke gebaut werden können.

Jüngst musste ich sehen, dass auch mein geliebter Blick ins Isartal aufs Kloster Schäftlarn von den vier, in den Wadlhauser Gräben gebauten Windrädern dominiert wird. Mir ist völlig schleierhaft, wie man damit beginnen kann, auch die für Deutschland so emblematische Voralpenlandschaft zu ruinieren. Erinnert sich eigentlich noch jemand an den Streit, der vor einigen Jahren um den Bau einer vielleicht zwanzig Meter hohen Werbetafel von McDonalds auf dem Irschenberg tobte? Welcher Eingriff, welche Verschandelung!, riefen auch BN-Offizielle. Heute hätten sie wohl gegen einen Windpark an gleicher Stelle nichts einzuwenden. Die Zeiten ändern ich…. Vielleicht könnte ich mich mit manchen Folgen dieser Entwicklung ja zähneknirschend anfreunden, im Sinne einer höhren Nützlichkeit wie der Rettung des Weltklimas. Doch trotz mehr als 25.000 Windmühlen im ganzen Land und zur See und riesigen Flächen an Solarpaneelen, trotz beinahe schrankenloser Ausbeutung der Wälder und Fluren im Dienste der Energieerzeugung, trotz dieser gigantomanischen Materialschlacht sind die Erträge der Erneuerbaren noch immer sehr überschaubar.

Immer noch liefern Atom, Gas und Kohle knapp 90 Prozent unseres Gesamtenergiebedarfes. Der Anteil der Windkraft am Primärenergieverbrauch liegt bei minimalen 1,5 Prozent, bei maximalem Landschaftsverbrauch. Und auch die Grundlastfähigkeit von Wind und Sonne zeichnet sich bislang nicht ab. Wir bauen also gerade ein komplett neues Energiesystem auf, können aber auf einen kompletten fossilen Kraftwerkspark mit seiner gesamten Infrastruktur bis auf weiteres nicht verzichten. Und daran ändert auch der neue Weltklimavertrag nichts. In der SZ war jüngst zu lesen, dass es in Bayern aktuell knapp 800 Windkraftwerke gibt, die etwa zwei Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr produzieren. Der Gesamtbedarf liegt bei 80 Milliarden Kilowattstunden. Würde man rein rechnerisch nur die Hälfte des bayerischen Energiebedarfes mit Windkraft decken wollen, wären dazu zwischen Hof und Berchtesgaden, Neu-Ulm und Passau 16.000 Windräder nötig. Dabei ist noch nicht einmal eingerechnet, wie stark der Strombedarf steigen würde, wenn die gesamte Mobilität und auch ein großer Teil des Wärmebedarfs mit „Ökostrom“ bestritten werden sollten.

Eine Studie des FraunhoferInstituts aus jüngerer Zeit kommt zu dem Schluss, dass man bis 2050 mit einem optimierten Energiemix den klimaschädlichen Kohlendioxidausstoß um 80% verringern könne. Klingt gut. Dazu allerdings müsste im Mittel, wie ein Professorenteam des Physikalischen Instituts der Uni Heidelberg errechnet hat, über Stadt und Land alle zwei bis drei Kilometer ein Windrad gebaut werden, dazu um die tausend Quadratkilometer Solarzellen. Solche Zahlen verschweigen die Fans der Energiewende. Stattdessen wird den Leuten Sand in die Augen gestreut. Es müssten doch nur zwei Prozent des Landes für Windkraft in Anspruch genommen werden, heißt es. Dieser Wert bezieht sich freilich nur auf die tatsächliche Versiegelung durch Fundamente und Zuwegungen. Die gewaltige optische Fernwirkung der Anlagen und die gravierenden Auswirkungen auf Flora und Fauna sind dabei natürlich nicht berücksichtigt. Bei einem 80- oder 100-Prozent-Szenario könnte man die viel beschworenen „ökologischen Leitplanken“ beim Ausbau der Erneuerbaren schlicht vergessen.

Und was die Attraktivität und den Erholungswert deutscher Landschaften anbelangt, könnte man wohl nur noch auswandern. Oder sich in den Großstädten verkriechen, ein wenig Urban-Gardening betreiben und, wie es ja besonders grüne Wähler und Mandatsträger gerne machen, zum allfälligen Landschaftsgenuss nach Neuseeland oder Patagonien jetten. Dank Klimaschutzablass zu Gunsten von Organisationen wie Atmosfair natürlich mit reinem Gewissen. Pech für alle, denen, ohne Anhänger von Pegida oder der AfD zu sein, noch etwas an der eigenen Heimat liegt. Und ob wir Deutschen mit unserer Energiewende die Welt vor der Klimakatastrophe bewahren, diese Hoffnung halte ich, gelinde gesagt, für vermessen.

Für mich ist diese „Energiewende“ Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Ich hoffe sehr, dass die Umweltverbände, allen voran BUND und BN vielleicht doch noch zur Besinnung kommen und erkennen, dass die Energierevolution, so hoffnungsvoll sie vielleicht begonnen hatte, längst kein ökologisches Projekt mehr ist, sondern allenfalls dazu dient, das vor sich hin dümpelnde Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Dann allerdings müsste man sich auf den einzigen Weg einer wirklich ökologischen Energieversorgung besinnen: eine drastische Verbrauchreduzierung. Das würde bedeuten, großräumige Ausschlussgebiete für Windenergie zu definieren und ein sofortiges Moratorium zum Bau neuer EEAnlagen zu fordern, das so lange Bestand haben müsste, bis in Sachen Energiesparen echte Erfolge zu vermelden sind. Stattdessen mahnt der BN-Landesbeauftragte Mergner in einer Pressemitteilung, zuweilen empfiehlt es sich, das „Kleingedruckte“ zu lesen, eine „bedarfsgerechte“ Versorgung der Bevölkerung mit „grünem“ Strom an. Das ist pseudo- ökologische Realpolitik par excellence.

Warum eigentlich gibt es vom BUND keine vehement vorgetragene, bundesweite Kampagne, um endlich das überfällige Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzuführen? In der erwähnten Studie der Heidelberger Professoren heißt es, dass man im Verkehrssektor nur acht Prozent weniger verbrauchen müsse, um locker auf alle bestehenden Windmühlen verzichten zu können. Hier Druck zu machen hieße aber wohl, von jenen „professionell“ geworbenen Mitgliedern wieder Abschied zu nehmen, die sich mit BN-Mitgliedschaft und Grünstromabo einen Generalablass für ihren ausschweifenden, Energie intensiven Lebensstil erkaufen. Und auch wieder von einem Stück Macht. Wo man doch gerade so froh ist, nicht mehr mit dem politischen Katzentisch vorlieb nehmen zu müssen. Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an die vor Jahren von mir selbst angeregte, leider spärlich besuchte Münchner Diskussionsveranstaltung zum Thema Windkraftausbau. Ich dachte damals, zu Anfang meiner Vorstandstätigkeit in der Kreisgruppe, dass ich im BN Gleichgesinnte träfe, die so empfänden wie ich und meinen Horror vor einer Windkraftrepublik Deutschland teilten. Stattdessen musste ich sehen, dass für den BN selbst Landschaftsschutzgebiete nicht mehr tabu sind.

Ich ziehe jetzt die Konsequenzen und werde mich künftig im neuen Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) engagieren, der mich in seinen Beirat berufen hat. Ein letztes: Immer werde ich gefragt, wie ich mir denn die Energiewende vorstellen würde – ohne oder mit sehr viel weniger Windrädern und anderem landschaftszerstörenden Equipment. Meine Antwort: Es ist im Moment und wohl auch auf längere Sicht leider nicht möglich, den enormen Energieverbrauch, den wir uns in Zeiten atomaren und fossilen Überflusses angewöhnt haben, ohne gravierendste Eingriffe in Natur und Landschaft zu decken. Auch und gerade nicht mit den sogenannten „Erneuerbaren“. Das ist, ich gebe es zu, eine bittere Wahrheit, mit der man sich keine Freunde macht. Aufgabe der Umweltverbände wäre es, sich mit aller Macht und aller Konsequenz für die längst überfällige Änderung von Lebensstilen und für die bedingungslose Erhaltung der spärlichen Reste von Natur und Landschaft in Deutschland einzusetzen und nicht das Geschäft von Technokraten und Politikern zu betreiben, welcher Couleur auch immer, die von Wirtschaftslobbys bedrängt werden oder selbst ökonomische Interessen haben und nach Posten und Mehrheiten schielen. Ich danke für die Aufmerksamkeit. Georg Etscheit, im Dezember 2015.

Quelle:http://nature2010.tripod.com/wkr225.htm