Ohne Wachstumswende keine Energiewende

Das Berliner Webportal klimaretter.info veröffentlichte unlängst eine irritierende Meldung: „Deutsche Emissionen stiegen 2016“ lautete die Überschrift. Quelle der Meldung war eine Analyse des Thinktanks Agora Energiewende.
Demnach hat Deutschland im vergangenen Jahr fast ein Prozent mehr des Klimagases CO2 produziert als ein Jahr zuvor. Leicht gesunken war der CO2-Ausstoß mit minus 1,6 Prozent nur im Stromsektor, während in den Sektoren Industrie, Verkehr und Wärme „kaum Klimaschutz“ stattfinde. Grund sei aber auch das Wirtschaftswachstum und ein „vergleichsweise kalter Winter“, wird Agora-Chef Patrick Graichen zitiert. Wenn es so weitergehe, so Graichen, seien die Klimaziele der Bundesregierung nicht zu schaffen.

Zunächst wundert man sich, wie Herr Graichen auf den Gedanken kommt, dass der Winter 2015/2016 „vergleichsweise kalt“ gewesen sei, erinnert man sich doch noch gut an Meldungen, wonach dieser Winter seinen Namen eigentlich nicht verdient hatte, war er doch einer der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Am Wetter also kann es wohl nicht liegen. Eher daran, dass die Energiewende  in ihrem zentralen Punkt bislang offenbar versagt hat. Ausgerechnet Deutschland, der selbst ernannte Öko- und Grünstrom-„Weltmeister“ hat seine Emissionen nicht im Griff. Und das ganz unabhängig davon, dass infolge des europäischen Emissionhandels die Treibhausgas-Mengen ohnehin gedeckelt sind und zusätzliche Einsparungen in Deutschland bislang nur dazu führen, dass anderswo in Europa mehr CO2 ausgestoßen werden darf.

 

Quelle: easyheizung.de

Dabei dachte man doch schon, ein Großteil des Weges hin zu einer wirklich umweltfreundlichen, demokratischen, ökologisch wie sozial korrekten Energieversorgung sei schon geschafft. Schließlich sind die „Erfolge“ der Energiewende im ganzen Land unübersehbar: In Form von rund 27 000 gigantischen Windkraftwerken, knapp 9 000 Biogasanlagen inklusive dazu gehöriger Maiswüsten, ausgedehnter Solarparks und vielen Kilometern neuer Hochspannungsleitungen.

Denn das gute Öko-Gewissen, das sich per Grünstromabo kaufen lässt , hat seinen Preis. Ihn bezahlen vornehmlich die Menschen auf dem Land, wo die neue energetische Infrastruktur bald jedes freie Fleckchen okkupiert. Immer schneller schreitet dieses historisch einmalige Zerstörungswerk voran. Aus vielfältigen Landschafts- und Erinnerungsräumen werden apokalyptisch anmutende Industriezonen, schönfärberisch Energielandschaften genannt. Es ist ein anderes, ein unwirtliches Deutschland, das hier buchstäblich in Windeseile und vor aller Augen entsteht, ohne Anmut und Poesie, ein Reich der Technokraten, Profiteure und selbst ernannten Klimaretter.

Den Preis bezahlen auch Vögel und Fledermäuse, die von den Rotoren erschlagen werden, wenn man nicht schon vorher ihre Horste zerstört hat, um den Bau von Windrädern überhaupt erst zu ermöglichen. Der agrarindustriellen Landwirtschaft hat die „Energiewende“ einen neuen Schub gegeben. In den mausetot gespritzten und geackerten Agrarsteppen sind nicht nur Bodenbrüter wie Kiebitz und Feldlerche oder der putzige Feldhamster chancenlos. Die „Energiewende“ macht auch die Küstengewässer von Nord- und Ostsee zu marinen Industriegebieten. Ob in dem zunehmenden, über- und unterseeischen Trubel seltene Arten wie der Schweinswal überleben können, ist fraglich.

Wenn man genauer hinsieht und der Propaganda der Erneuerbaren-Branche nicht auf den Leim geht, hat die „Energiewende“ gerade erst einige Trippelschritte hingelegt. Noch werden knapp 90 Prozent unseres Energieverbrauchs, einschließlich Mobilität und Wärme, von fossilen und atomaren Energieträgern gedeckt. Der angebliche „Lastesel“ Windenergie trägt dazu minimale 2,5 Prozent bei. Dass schon rund ein Drittel des Stroms aus EE-Anlagen stammt, klingt nach mehr, als es ist. Denn der Strom macht nur rund ein Fünftel des Gesamtenergieverbrauchs aus. Der allergrößte Teil der Arbeit liegt also noch vor uns.

Dabei ist der Landschaftsverbrauch von Wind, Sonne, Biomasse schon heute immens und übersteigt den von Braunkohle-Tagebauen, die hier nicht schön geredet werden sollen, bei weitem. Wenn der Ausbau der „Erneuerbaren“ so weitergeht, wird es in Deutschland in wenigen Jahren keinen Ort mehr geben, der nicht in irgendeiner Weise zur Erzeugung, Speicherung oder Verteilung von Energie genutzt wird. Kein schöner Land mehr, nirgends.

Immer drängender stellt sich die Frage, ob man den Teufel mit dem Belzebub austreiben kann, ob man im Zuge einer weitgehend technokratisch angelegten Energiewende hier und heute Natur und Landschaft zerstören darf, um vorgeblich die Erderwärmung begrenzen zu wollen. Und es stellt sich die Frage, ob die ganz in der alten Wachstumslogik stehende „Energiewende“ nicht doch wieder nur ein Feigenblatt ist, um der alles entscheidenden Thematik aus dem Wege zu gehen: Dass das vielfältige Leben und die Schönheit der Erde keine Chance haben, das 21. Jahrhundert zu überdauern, wenn es nicht gelingt, den Ressourcenverbrauch einer bald neun Milliarden Individuen umfassenden Menschheit drastisch und dauerhaft zu senken.

Ohne Wachstumswende , so der bekannte Postwachstumsökonom Niko Paech, wird die Energiewende nicht zu schaffen sein. Zwar wird Energie hierzulande immer effizienter eingesetzt und der Energieverbrauch steigt nicht mehr in gleichem Umfang wie die Wirtschaftsleistung. Doch echten Klimaschutz kann es nur dann geben, wenn der Energieverbrauch wirklich sinkt anstatt nur etwas weniger stark zu steigen.  Laut Paech in  sind die CO2-Emissionen in Deutschland nur zweimal „erwähnenswert“ gesunken, nämlich durch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft und als Folge der Lehman-Brothers-Krise. „Unfreiwillige Degrowth-Effekte“ nennt dies Paech. An einschneidenden Änderungen unseres Konsum getriebenen Lebensstils werden wir nicht vorbei kommen, wenn die Energiewende wirklich „grün“ sein soll.